Volljährige Trauer?

Ich kann es kaum glauben, aber vor 18 Jahren (am 08.02.2008) ist meine wunderbare Frau Andrea, die Mama von unseren vier tollen Kindern gestorben. Und unser Leben stand Kopf.
Schon und erst 18 Jahre. Manchmal kommt es mir gar nicht so lange vor und dann merke ich wieder, was in dieser Zeit alles passiert ist.

Ich bin inzwischen deutlich länger mit Brigitte verheiratet als ich es mit Andrea war. In einigen Tagen haben wir keinen Teenager mehr. Alle Kinder sind inzwischen aus dem Haus und gehen ihre Wege. Ich bin dankbar für und stolz auf sie. Ich habe selbst beruflich einen ganz neuen Weg eingeschlagen und bin sehr dankbar für das, was ich tun darf.
Wir haben gemeinsam und auch jeder für sich diesen unfassbaren Verlust überlebt und gelernt, damit zu leben. Deshalb bin ich auch stolz auf uns.

In den vergangenen Jahren habe ich einige hundert Trauernde begleitet, viele bei Abschiedsfeiern, manche in einer der drei Trauergruppen, die ich leite, manche bei den Vorträgen, Schulungen, Seminaren oder den Wochenenden für Trauernde, die ich anbiete.

Jemand sagte vor Jahren mal zu mir: „Stefan, wenn Andrea nicht gestorben wäre, könntest du heute nicht so gut Trauernde begleiten!“ Es war damals als positive Rückmeldung gedacht – ich hab trotzdem widersprochen. Nein, Andrea musste nicht sterben, damit ich Trauernde begleiten kann.
Und trotzdem hab ich natürlich ein anderes „Rederecht“ als jemand, der nur Bücher zum Thema Trauer gelesen hat.

„Bist du selbst noch Trauernder?“ wurde ich vor Kurzem gefragt. Gute Frage.
Und die Antwort hat viel damit zu tun, wie man Trauer definiert. Für viele Menschen ist Trauer etwas, was vor allem negativ besetzt ist. Man ist traurig, weint viel, kriegt sein Leben nicht mehr auf die Reihe, ist antriebs- und orientierungslos, ohnmächtig, entsetzt, kraftlos usw.
Für mich hat Trauer allerdings auch viel mit Liebe zu tun. „Trauer ist Liebe, die heimatlos geworden ist.“ hab ich neulich gelesen.
Zu mir kam noch nie jemand in eine Trauergruppe oder in die Beratung, der gesagt hat: „Ich bin froh, dass der Alte fort ist.“ Wer nicht liebt, trauert normalerweise auch nicht (so sehr).
Andersrum gilt aber meistens: wer trauert, weiß nicht mehr, wohin mit der Liebe, die ja mit dem Tod nicht plötzlich endet. (Deshalb find ich den Satz „bis dass der Tod euch scheidet…“ bei Hochzeiten auch schwierig und benutze ihn bei Trauungen, die ich halte, auch nicht.)
Deshalb hab ich auf die Frage auch geantwortet: „Ja, ich bin noch Trauernder. Weil ich Andrea immer noch liebe. Anders als damals. Und inzwischen ist da ja auch die Liebe für Brigitte. Andrea bleibt jedoch für immer ein wichtiger Teil meines Lebens.“

Allerdings schmerzt meine Trauer nicht mehr. Und das war für mich eines meiner Ziele in meiner Trauer: das irgendwann die Dankbarkeit, dass ich Andrea kennen und lieben durfte, größer wird als der Schmerz, dass sie nicht mehr da ist. Und Andreas Tod beeinträchtigt meinen Alltag nicht mehr. Das war am Anfang komplett anders.
Ich verstehe immer noch nicht, warum Andrea so früh sterben musste (medizinisch schon, aber sonst nicht). Ich finde es immer noch viel zu früh. Und unfair. Auch meinen Kindern gegenüber.
Aber ihr Tod beeinflusst mein Leben nicht mehr negativ.

Wir werden morgen auf den Friedhof gehen. Nicht, weil man es muss. Oder weil ich diesen Ort mit Andrea in Verbindung bringe. Ich trage sie weiter in meinem Herzen und in meinen Erinnerungen.
Gleichzeitig ist der Friedhof und ihr Grab jedoch ein Ort, an dem die Trauer nach außen sichtbar wird. Dort liegt das, was an ihr sterblich war.
Gestern hab ich 18 Rosen gekauft. 9 in weiß, neun in orange. Weiße Rosen waren meine und Andreas Blumen (dazu gibt es eine Geschichte von ganz vom Anfang), orange war ihre Lieblingsfarbe.
Ein Teil der Rosen wird an ihrem Grab bleiben, ein Teil bleibt bei uns oder nehmen die Kinder mit nach Haus. Weil Andrea eben nicht nur auf dem Friedhof ist.